Das weiße Band

November 5, 2009

Der neue Film von Michael Haneke hat einigen Staub aufgewirbelt. Mit „Das weiße Band“ ist dem österreichischen Filmregisseur ein beeindruckendes wie verstörendes Werk gelungen, das für reichlich Diskussion in Foren und Feuilletons gesorgt hat.
Schon der Anfang von „Das Weiße Band“ ist anders als Vieles, was sonst über die Kinoleinwände flimmert, denn es gibt keine Filmmusik. Es herrscht Stille, die Leinwand bleibt schwarz, nach anfänglichem Geplapper und Gelache verstummt das Publikum, es Kino ist mucksmäuschenstill und so bleibt es auch. Selten habe ich einen Film mit so wenigen Störungen erlebt und das bei einer Länge von fast zweieinhalb Stunden.
Haneke gelingt es sofort, den Zuschauer in die Zeit und Welt zu ziehen, in der sein Stück spielt: schwarzweiße Bilder von unglaublicher Intensität, eine langsame, völlig unzeitgemäße Kameraführung, echte, vom Leben gezeichnete Menschen und eine authentische Klangkulisse ohne irgendwelche schmierigen Filmmelodien machen die Jahre kurz vor dem ersten Weltkrieg auf eindrucksvolle Weise nachvollziehbar. Manchmal ist es für den zappeligen, ständig von irgendetwas anderem abgelenkten Jetztmenschen schwer erträglich, wie still und langsam diese Zeit ist, doch die Faszination überwiegt. Ein junges Mädchen mit sich allein auf der dunkeln Treppe sitzend und an den verletzten Vater denkend. Ein vielleicht vierjähriger Junge, der fragt, ob auch er sterben muss, was seine Schwester bejaht, bevor sie in Tränen ausbricht. Eine Leichenwäscherin in einem herunter gekommenen Haus, die reine tote Frau zurecht macht. Von der Toten sind nur die Beine im weißen Hemd zu sehen, das Sonnenlicht fällt strahlend auf die schäbigen Wände. Das ist alles völlig nackt und direkt, ohne musikalischen Kleister, der den Zuschauer emotional in eine bestimmte Richtung lenkt. Auch der Betrachter in seinem Kinosessel ist mit sich allein. Einen weiteren optischen Reiz des Filmes machen die großartigen Landschaftsaufnahmen aus. Der Mensch ist in dieser Landschaft meist recht klein und unbedeutend, so wie er es bei genauer Betrachtung wohl auch in der Realität ist.
Doch nicht allein die Form von Hanekes Film weiß zu fesseln, auch der Inhalt. „Das weiße Band“ ist atmosphärischer Krimi und Sittenporträt in einem. In einer erstarrten, in sich geschlossenen Gesellschaft geschehen allerlei seltsame Verbrechen und Unfälle. Der Dorfarzt wird schwer verletzt, weil Unbekannte ein kaum sichtbares Drahtseil vor seinem Hof aufgespannt haben. Die Rückkehr vom morgendlichen Ausritt endet mit einem lebensgefährlichen Sturz, das Pferd muss getötet werden. Als ein Dorfpolizist den Vorfall untersuchen will, ist das Seit verschwunden. Keiner hat etwas gesehen. Später stirbt eine Frau bei einem tragischen Unfall. Sie bricht durch die Decke des alten Sägewerkes, in das sie zum Aufräumen geschickt wurde. Der Sohn des Gutsherren wird verprügelt, später auch das behinderte Kind der Hebamme. Niemals erfährt man, wer eigentlich all diese Untaten begangen hat, auch nicht als Polizisten von außerhalb den letzten Vorfall untersuchen, doch letztendlich wird dem als Erzähler auftretenden Dorfschullehrer klar, dass “seine Kinder“ etwas damit zu tun haben müssen. Als er dem Vater zweier dieser Kinder, dem Pfarrer des Dorfes von dieser Vermutung erzählt, wird er brüsk des Hauses verwiesen. Diese „Unterstellung“ kann er nicht gelten lassen, er, der seine Kinder mit strenger Hand erzieht, denen er nach einem verhältnismäßig geringfügigen Fehltritt und einer ausgiebigen „Züchtigung“ ein weißes Band um den Arm bindet, um sie an die Reinheit und Tugendhaftigkeit zu erinnern. Doch diese Reinheit und Tugendhaftigkeit ist längst nicht viel mehr als eine dünne Oberflächenschicht, hinter der sich kleine Ungeheuer verbergen, die diese Kindergeworden sind in einer kalten, lieblosen Umgebung, deren wichtigsten Anliegen die Erziehung zum blinden Gehorsam ist…
Doch Michael Haneke löst diese Situation nicht auf. Am Ende des Filmes lässt er den Zuschauer allein mit seinen Vermutungen und dem Wissen, dass diese „heile Welt“ dem Untergang geweiht ist. Der 1. Weltkrieg steht vor der Tür und danach wird nichts mehr so sein, wie zuvor. Am Ende gibt der Lehrer aus dem Off bekannt, dass er nie wieder in das Dorf zurück gekehrt ist und auch nie wieder einen der Bewohner gesehen hat. Diese Welt ist verschwunden, das Unheil, das in ihr angelegt wurde, ist jedoch geblieben. Die Meinung mancher Rezensenten, dass es beim „weißen Band“ darum ginge, die Wurzeln des Nationalsozialismus freizulegen, halte ich jedoch für ein wenig überrissen. Zustände, wie im Film gezeigt, gab es sicher in ganz Europa. Und Kadavergehorsam ist nur eine Voraussetzung für den Erfolg menschenverachtender Ideologien. Aus meiner Sicht geht es eher um eine allgemeingültige Aussage: Wo Kinder keine Liebe erfahren, wachsen sie zu leiblosen Wesen heran.

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