Jarhead – Willkommen im Dreck

September 26, 2011

Am Freitag lief auf RTL II mit „Jarhead“, ein beeindruckender Kriegsfilm mit aktuellem Hintergrund. In dem Drama geht es um US-Marines im ersten Golf-Krieg, Ort der Handlung sind neben der Ausbildung im Heimatland Saudi-Arabien und der Irak. Hauptfigur Anthony „Swoff“ Swoffers (Jake Gyllenhaal) ist einer der Soldaten, der hier als Scharfschütze für „Demokratie“ und „Freiheit“ im Einsatz ist.

Wie viele Genre-Filme beginnt auch „Jarhead“ mit dem Schleifen der Rekruten. Wie immer gibt es erbarmungslose, viehisch-rohe Ausbilder, die den jungen Soldaten vor allem eins vermitteln: Ihr seid Abschaum und wir machen aus euch Menschen. Wer zu schwach für diesen Transformationsprozess ist, der bleibt auf der Strecke. Einer von Swoffs Kameraden wird beim Training mit scharfer Munition erschossen. Typisch auch, die üblichen Männlichkeitsrituale mit denen sich die Soldaten gegenseitig erniedrigen. So ganz am Anfang, als Swoff in seine Einheit kommt und in der Unterkunft „gebrandet“ werden soll. Am Ende sind alle zu Kampfmaschinen umprogrammiert, die eine Einheit mit ihrer Waffe bilden. Wie formuliert es der Ausbilder so passend: „Ihr habt gelernt ‚Du sollst nicht töten!’ Vergesst den Scheiß!“ Swoff als „Scout Sniper“ ist dafür vorgesehen, im Ernstfall als Kundschafter unterwegs zu sein und gezielt Feinde auszulöschen. An seine Seite wird im sein Kumpel „Troy“ gestellt, quasi sein Vermessungsingenieur des Todes. Troy ist ein Zyniker, der mehr als einmal den Sinn des Unternehmens hinterfragt und der klarer als seine Kameraden sieht, dass sie nicht für die freie Welt sondern für den freien Zugang zu Ressourcen und den Profit einiger Konzerne kämpfen…

Eine letzte Szene im „Bootcamp“ zeigt die Soldaten, wie sie im Kino „Apocalypse Now“ schauen. Die berühmte Szene der Bombardierung eines Dorfes durch eine Helikopterstaffel beklatschen und bejubeln die jungen Männer frenetisch. Sie sind begierig darauf, endlich selbst ihre kämpferischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und dem Feind „den Arsch aufzureißen“.

Nach vollendeter Ausbildung geht es nach Saudi Arabien, wo die Truppe über viele Monate auf ihren Einsatz warten wird. Seltsam kam mir hier vor, dass die Soldaten mit normalen Verkehrsmaschinen samt Stewardessen an ihren Einsatzort flogen. Eigentlich würde man Militärtransporter erwarten.
Das Leben in der Wüste besteht aus stupidem Drill und Zeit, die irgendwie totgeschlagen werden muss. Eine wichtige Rolle spielt hier die Verbindung zur Heimat. Nicht wenige Soldaten, so auch Swoff, werden in der Zeit von ihren Freundinnen verlassen, weil die nicht länger warten wollen. An der eigens eingerichteten „Wall Of Shame“ hängen ihre Bilder. Unter den jungen Männer ist es gang und gäbe, sich gegenseitig damit zu provozieren, dass die Freundin sicher grad fremd geht. Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass diese Kombination von Testosteronüberschuss, Frust, Langeweile und Waffen keine Katastrophen entwickeln.
Eine sehr bezeichnende Szene ist die, in der die Marines auf Einheimische treffen. Mit ihren Waffen sind sie quasi verwachsen, doch bei dieser zufälligen Begegnung mit Menschen fehlt es den Soldaten am passenden „Werkzeug“ die Situation zu meistern. Fast kommt es zur Eskalation, nur weil Swoof ein paar Worte arabisch kann und auf die Einheimischen zu geht, gibt es keine Toten. Als Zuschauer fragt man sich, warum die Armee die Leerlaufzeit nicht genutzt hat, ihren Kämpfern ein paar Grundregeln und –begriffe beizubringen, wie sich solche „Konflikte“ auch ohne Schusswaffeneinsatz lösen lassen.

Nach langer Wartezeit kommt es endlich zum Einsatz, der Krieg hat offiziell begonnen. Eingeblendet ins Bild werden regelmäßig die Aufenthaltszeit in der Wüste und die Truppenstärke. Zum Zeitpunkt der Invasion im Irak liegt die Zahl bei knapp 600.000.

Beim Vormarsch stößt Swoffs Trupp auf einen gruseligen Leichenzug aus zahllosen ausgebombten Fahrzeugen und verbrannten Menschen. Bedrückend die Szene als Swoof sich abmeldet, um seien Notdurft zu verrichten und dann hinter dem Hügel auf einen verkohlten Mann trifft, der noch immer, wie eingefroren auf seinem Koffer sitzt, als wenn er wartete. In diesem Moment wird dem jungen Amerikaner wohl erst bewusst, was hier geschehen ist und er muss sich übergeben. Er ist halt keine Kampfmaschine, sondern „nur“ ein Mensch.

Geradezu apokalyptisch wird die Szenerie, als die Irakies ihre Ölquellen anzünden und sich die Soldaten zwischen himmelhohen Fackeln im schwarzen Ölregen bewegen. Ein besseres Bild für den Wahnsinn des Unternehmens „Desert Storm“ lässt sich schwerlich finden.

Gegen Ende des Films werden Swoof und Troy für einen Spezialeinsatz ausgewählt, bei dem es darum geht, zwei wichtige irakische Generale auszuschalten. Bevor die beiden jedoch ihren Auftrag durchführen können, werden sie schon mit dem Finger am Abzug von einem Offizier der Air Force gestoppt und die „Angelegenheit“ wird auf typische US-Art mit großem Kaliber geregelt. Troy dreht in dieser Szene komplett durch, weil er wenigstens dieses eine Mal zum Schuss kommen wollte. Nach abgebrochenem Auftrag kehren er und Swoof ins Basislager zurück, wo sie feststellen müssen, dass der Krieg beendet ist, ohne dass sie einen einzigen Schuss abgefeuert haben. Frustriert entleeren sie ihre Magazine in den Nachthimmel.

Daheim werden die Marines als Helden empfangen, wobei sich die meisten wohl selbst nicht als solche empfinden. In ihren Bus steigt ein Vietnamkriegsveteran ein, der sie alle beglückwünscht und fragt ob er mitfahren darf. Als im dies gestattet wird, setzt er sich hin und sackt in sich zusammen. Er ist quasi die Metapher für die Kontinuität der Kriegsführung und zeigt andererseits recht deutlich, welches Schicksal die jungen Menschen erwartet: Sie sind gebrochene Individuen, für die der Krieg niemals zu Ende sein wird…

Positiv an „Jarhead“ hervorzuheben, ist das, was wofür der Film auch kritisiert wurde: Er vertritt keinerlei „Position“. Er erzählt aus der Sicht eines Durchschnittsamerikaners, der aus jugendlichem Abenteuerdrang und falsch verstandenem Patriotismus in einen Krieg gerät und sich, auch wenn er selbst niemals töten muss, darin verliert. Ganz am Ende steht Swoof in seinem Haus und schaut aus dem Fenster und er weiß. Ich bin immer noch da draußen in der Wüste…

PS: Dieser Trailer ist auf jeden Fall der bessere.

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Krieg auf der Leinwand

Februar 24, 2010

In Sachsen sagt man, dass jemand eine Klatsche (oder richtig ausgesprochen einen „Gladdsche“) hat, wenn man ihm bedeuten will, dass er nicht ganz richtig im Kopf ist. Insofern habe ich wahrscheinlich eine „Gladdsche“, weil ich mich schon seit meiner Kindheit / frühen Jugend für Kriegsfilme aller Art begeistere. Das hat aber nicht dazu geführt, dass ich zu einem dieser „In Stahlgewittern“-Fantasten wurde, sondern genau im Gegenteil den Krieg lieber als Fiktion bzw. Leinwandgeschehen verfolge, als mich nach einer Bewährungsprobe auf dem „Feld der Ehre“ zu sehnen.

Vor kurzem lief im Fernsehen „Unterwegs nach Cold Mountain“. Das ist zwar kein klassischer Film des Genres, doch neben einer Liebesgeschichte spielt der amerikanische Bürgerkrieg einen entscheidende Rolle. Der Kampf zwischen Nord- und Südstaaten wird in „Cold Mountain“ (Originaltitel) an einer Stelle besonders drastisch in Szene gesetzt, aus meiner Sicht eine der brutalsten Verfilmungen des Themas überhaupt, gleich nach der Normandielandung in „Saving Private Ryan“. Die Nordstaatler haben unter der Stellung der Südstaatler einen Tunnel gegraben und diesen dann gesprengt. Nach der Explosion starten die Yankees ihren Angriff und landen in einer tödlichen Falle. Durch die Sprengung ist eine Senke mit steiler Böschung entstanden, in der die Soldaten, einmal drin, kaum einen Chance haben, wieder unbeschadet heraus zu kommen. Nachdem die Südstaatler diesen Umstand bemerkt haben, beginnt ein mörderisches Abschlachten das den im Fernsehsessel sitzenden Zuschauer Dank apokalyptischer Bilder nicht unberührt lässt.

Erwähnte Landungsszene aus dem Soldat James Ryan beeindruckt vor allem durch die unmittelbare Teilnahme des Zuschauers, der quasi mit den Soldaten im Landungsboot sitzt und beim Öffnen der Klappen direkt von einer MG-Garbe getroffen wird. Beeindruckend auch der Moment der völligen Stille, während dem Captain Miller (Tom Hanks) sich desorientiert umschaut und des Grauens um ihn herum bewusst wird.

Beim Zehnteiler „Band Of Brothers“, den ich mir vor kurzem von DVD in drei Sitzungen „reinzog“, ist vor allem der Stellungskampf im belgischen Bastogne unglaublich eindrucksvoll, verdeutlicht er doch auf brutale Weise, wie wenig Einfluss die Soldaten zeitweise auf ihre Überlebenschance haben. Die Easy Company hat einen Wald besetzt und gerät dort immer wieder unter feindliches Artilleriefeuer. Die einzige Möglichkeit dies zu überstehen ist, sich möglichst tief in ein Erdloch zu verkriechen. Eine trügerische Sicherheit, denn das tiefste Erdloch hilft nichts bei einem direkten Treffer…

Alle drei Szenen sind hervorragend geeignet, um die Sinnlosigkeit des Krieges zu verdeutlichen und den „heroischen“ Gedankengängen mancher Mitmenschen einen Dämpfer zu geben. Krieg hat absolut nichts Schönes und die, die ihn äußerlich unbeschadet überleben, blieben innerlich verkrüppelt zurück.
Eine letzte Szene möchte ich noch anführen aus „Der Schmale Grat“ (The Thin Red Line). Die Wirkung des Films basiert im Wesentlichen auf dem Kontrast zwischen der Schönheit der Natur auf einer nahezu unberührten Pazifikinsel und den äußerst brutalen Kampfszenen. Symbolisch wird der Wahnsinn des Krieges auf die Spitze getrieben, als sich der Weg der schwer bewaffneten US-Marines mit dem eines Eingeborenen kreuzt, der völlig achtlos an den Soldaten vorbeiläuft, als wenn sie für ihn Luft wären (hier im Trailer kurz zu sehen). Er scheint damit sagen zu wollen: Das ist nicht meine Realität! Das ist Euer Krieg!