Almanya – Willkommen in Deutschland


Trailer (Leider mit Werbung)

Wenn es hierzulande um Ausländer geht, dann meist als „Problemfall“. Möchtegern-Volkstribun Thilo Sarrazin hat die Debatte über die angebliche fehlende Integration der Migranten (auch so ein dämlicher Ausdruck) angeheizt und zum Lachen ist es dabei Niemandem zu Mute. Den einen nicht, weil sie das Aussterben des deutschen Volkes und die Übernahme des Landes durch die bösen Muselmanen fürchten, den anderen weil sie ein Viertes Reich heraufziehen sehen. Was bei all diesen Debatten viel zu kurz kommt, ist die Frage, wie die Zugezogenen selbst ihre Anwesenheit hier sehen. Zumindest Denkanstöße und das auf sehr unterhaltsame und witzige Art und Weise gibt der Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“. Gedreht wurde er – wie sollte es anders sein – von zwei türkisch-stämmigen Regisseurinnen, den Schwestern Yasemin und Nesrin Şamdereli. Deutschen wäre dieser entspannt-mitfühlsame Blick auf ein Stück Geschichte unseres Landes und die Menschen, die es mitgestaltet haben, sicher nicht so leicht von der Hand gegangen. Die Şamredeli-Schwestern problematisieren nicht, sondern zeigen das Geschehen aus Sicht der Hüsseyin Yilmaz und seiner Familie. Die lebt Ende der 1960er in einem aus unserer Sicht recht rückständigen Teil der Türkei, in Anatolien. Hüsseyin geht nach Deutschland, weil es dort gut bezahlte Arbeit gibt, später holt er Frau und Kinder nach. Wie schwer die Trennung von der alten Heimat fällt, wird trotz allen Humors deutlich. Und klar wird auch, dass die fremde Kultur der neuen Mitmenschen nicht nur für die Einheimischen eine große Herausforderung darstellt. Wie lebt man z.B. in einem Land, dessen Sitten und Gebräuche einem zumindest seltsam vorkommen und dessen Sprach man nicht spricht. Wie gesagt, der Film zeigt dies auf sehrt amüsante Weise. Ein kleiner Kniff hilft dem deutschen Zuschauer, sich in die Rollen der türkischen Protagonisten einzufühlen. Während die nämlich deutsch sprechen, klingt die Sprache der Einheimischen wie eine kuriose Abart des Schwedischen…

Das immer wiederkehrende Thema des Filmes und wohl auch in der Realität ein entscheidendes Dilemma ist die Frage: Sind wir nun Deutsche oder Türken. Insbesondere die zweite Generation aber auch deren Kinder können das kaum zweifelsfrei beantworten. Die Reise der ganzen Familie zum vom Großvater Hüsseyin gekauften Haus im Heimatort wird zu einer Reise zu den Wurzeln. Dass Hüsseyin auf dieser Reise stirbt ist wohl eine Metapher dafür, dass es ein komplettes zurück nicht geben kann, denn die andere, die deutsche Kultur hat ihre Spuren in den Menschen hinterlassen. Filmisch sorgt das tragische Ereignis dafür, dass „Almanya“, anstatt in Klamauk und Happy End abzukippen, Tiefe bekommt. Hier geht es um existenzielle Fragen, wenn auch mit leichter Hand serviert: „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“, „Wo gehe ich hin?“. Das berührt emotional, auch wenn die türkische Kultur noch so weit vom eigenen Selbst entfernt ist. Die liebevolle Darstellung der Figuren und die poetischen Bilder tun ihr Übriges, diese Menschen ins Herz zu schließen. Das berühmte Max Frisch-Zitat am ende des Filmes bringt es auf den Punkt: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“. Das sieht man in Almanya sehr schön. Kein Multi-Kulti-Wohlfühlkino, sondern eine kurzweilige Komödie, die Anstoß zum Nachdenken liefert.

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