Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Die guten Filme kommen immer viel zu spät abends. Von dieser Weisheit konnte ich mich gestern wieder einmal überzeugen. Nach 22 Uhr lief der Film „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, in dem Richard David Precht seine Kindheit in den 1970ern beschreibt. Seine Eltern sind politisch in der linken Szene der BRD beheimatet, engagieren sich für die DKP, später bei den Grünen. Dem kleinen Richard gilt die DDR als das Land seiner Träume, der Junge schwärmt nicht für die Fußballhelden seiner Heimat, sondern für Oleg Blochin von Dynamo Kiew.
Der Film lebt von den intimen Einblicken in das Familienleben, die von Richards aus dem Off gesprochener Stimme in kindlich-naiver Art kommentiert werden. Manches wirkt aus heutiger Sicht ein wenig wunderlich, doch ist stets spürbar, dass diese kleine Familie versucht, einen eigenen Weg zu finden, in einem Nachkriegsdeutschland, das dem Vorkriegsdeutschland schon wieder sehr ähnlich ist.
Den Bezug zur aktuellen Zeit bilden die Zwiegesprächen des Autors mit seinen Geschwistern, den Eltern und deren Freunden. Hier merkt man manchmal das Befremden über den eigenen Lebenslauf, der so viel anders als der anderer Kinder ist, mit einem komplett abweichenden Wertesystem, dass aus den Kleinen nicht selten Außenseiter macht. Und doch entwickelt der Zuschauer Verständnis dafür, dass die Eltern ihrem Nachwuchs diese Last aufbürdeten. Denn sie wollen keine tumben Befehlsempfänger erziehen, sondern selbstständige und glückliche Menschen. Dass sie dabei manchmal über ihr Ziel hinaus schießen – wer will es ihnen verdenken? Viele ihrer Ideen waren einfach zu neu und noch nicht erprobt.

„Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ ist eine großartige Dokumentation einer alternativen BRD-Wirklichkeit. Mao, Anti-AKW-Demos, antiautoritäre Erziehung, Feminismus, der Kampf gegen alte und neue Nazis und RAF-Sympathisantentum gehören ebenso zu einem vollständigen Bild der westdeutschen Gesellschaft, wie all die endlos abgespulten Klischees von Wirtschaftswunderbegeisterung und „Wir sind wieder wer!“-Nationalgefühl.

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