Kaltes Herz – Tatort real

Das Thema war einigermaßen heikel, in einer Zeit, in der das Stichwort Kindesmissbrauch quasi täglich in den Medien zu finden ist. Doch bei aller Brisanz – der Missbrauch an sich ist sicher ein verhältnismäßig seltenes Phänomen gegenüber der Vernachlässigung von Kindern bzw. der Tatsache, dass gerade im Teenager-Alter viele Kindern ihren Eltern entgleiten.
Im Tatort „Kaltes Herz“ ging es um den ersteren Fall: Im Zentrum stand eine junge, völlig überforderte Mutter, in deren Wohnung ein Jugendamtsmitarbeiter ermordet wurde. Das Kind, das der Beamte abholen wollte, saß hinter verschlossener Tür, während die Mutter mit Freundinnen feiern war. Als die Polizei am Tatort eintraf, war von der vierjährigen keine Spur mehr zu finden. Des Mordes und der Entführung verdächtigt wurde unter anderem der von der Mutter getrennt lebende Vater, doch im Laufe der Geschichte kamen auch andere potentielle Täter ins Spiel. Und die ganze Zeit blieb die Ungewissheit, ob das Mädchen noch lebt. So wurde die Öffnung einer Gefriertruhe zu einer echten Zerreißprobe für die Nerven, schließlich wurde nicht erst eine Kinderleiche in solch einem Vorratsbehältnis gefunden…
Bis fast zum Ende des Films dauerte es, bis klar wurde, worin der eigentliche Grund für den Mord bestand: Ein Kollege vom Jugendamt hatte sich des Betruges schuldig gemacht und das Opfer war dabei, diesen Betrug aufzudecken. Die Idee: Das Amt vermittelte Kinder in Pflegefamilien, abgerechnet wurde aber der dreifach höhere Preis für einen Heimplatz. Die Differenz teilten sich Pflegeeltern und Jugendamtsmitarbeiter.
Der Film zeigte sehr schön ein von Gewalt und Elend (nicht unbedingt materiell, mehr intellektuell) geprägtes Milieu, abseits jedoch vom typischen Hartz-IV-Klischee. Im Gegenteil – den Schreibern gelang es, die Motive jedes Einzelnen Beteiligten an diesem Drama plausibel und nachvollziehbar zu erzählen. Da war weder für Sozialromantik noch für Vorverurteilung Platz. Richtig „schlechte Menschen“ gab es keine. Selbst der Herr Helbig vom Jugendamt, der sich schlussendlich als Mörder herausstellte, zeigte in einem finalen Ausbruch, dass er mit seinem Job einfach nur überfordert war. „Ich wollte doch nur raus. Ich habe das nicht mehr ausgehalten, all diese Not und dieses Elend. Und man kann nichts verändern…“
Und dies war nur die Spitze des Eisberges, denn eigentlich ging es allen Figuren des Filmes so, sie waren der gesellschaftlichen Realität nicht gewachsen. Das ist weniger ein Armutszeugnis für die Menschen, als viel mehr für die Gesellschaft selbst. Den Tatort-Machern muss man hingegen bescheinigen, dass sie alles richtig gemacht haben: Mit „Kaltes Herz“ ist es ihnen gelungen, eine spannende Krimistory mit realistischen Figuren und Einblicken in die weniger erfreulichen Bereiche der marktliberalen Lebenswelt und somit gute Unterhaltung mit Anspruch zu verbinden. Ich wünschte mir mehr solche Tatorte, dann würde ich die Krimiserie auch wieder öfter anschauen. In letzter Zeit war mir da viel zu viel Konstruiertes dabei…

PS: Den Tatort-Machern gelang es sogar, ein nicht kitschig wirkendes Ende zu finden, ohne Tränen und Reue. Das verschwundene Mädchen war die ganze Zeit in Sicherheit bei einer mütterlichen Freundin des Kindsvaters gewesen…

Advertisements

One Response to Kaltes Herz – Tatort real

  1. […] Platz 3 Nach dem Münsteraner Tatort-Team können sich die beiden WDR-Ermittler Ballauf und Schenk an hohen Einschaltquoten erfreuen. Am 20.03.2010 verfolgten 9,88 Mio. Zuschauer die Folge „Kaltes Herz“. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: