Thema verfehlt, setzen 5!

Wie die arte-Dokumentation „Welcome To The 80’s“ sich in dummen Klischees ergeht

Als Angehöriger einer Subkultur – ich höre vorwiegend Industrial-Musik und war lange Zeit in der Düster-Szene unterwegs – freute ich mich über die Ankündigung bei arte solle es in Teil 5 der „Welcome To The 80’s“-Serie um „Gothic, Industrial & Metalbeat“ (gelegentlich war auch von Black Metal zu lesen) gehen. Der Anfang der Sendung war auch recht vielversprechend – kamen doch die stilprägenden Killing Joke zu Wort, bald darauf waren die Klänge der genialen Cabaret Voltaire zu vernehmen. Doch schnell stellte sich Ernüchterung ein. Interessante Themen wurden nur kurz angerissen, der Terminus „extrem“ kam inflationär um Einsatz. Kein Wort darüber, was das für Leute waren, was sie wollten, was sie bewegt hat. Gerade die Industrial-Kultur – und da kenne ich mich ein wenig aus – hätte Anlass geboten, eine dreifach so lange Dokumentation mit interessanten Inhalten zu füllen. Coum Transmission, die Vorläufer von Throbbing Gristle, mit ihren das Establishment schockierenden Kunstperformances, das erste Independent-Label Industrial Records, die radikalen Anti-Musik-Konzepte von Boyd Rice oder die Verbindung der Szene zur Mail Art wären nur einige Ansatzpunkte für die intensivere Beschäftigung. Nicht einmal die sozialen Hintergründe, die Verwerfungen der Thatcher-Zeit wurden aufgegriffen, anders als z.B. bei der Sendung über Punk. Die ganze Zeit ist von einer diffusen Atomkriegsangst die Rede, dass die Lebensbedingungen der einfachen Leute gerade in englischen Städten wie Manchester oder Sheffield katastrophal waren, wird nur am Rande gestreift. Da wurden einfach nur ein paar Leute gezeigt, die möglichst gerne „extrem“ sein wollten. Wahrscheinlich aus jugendlichem Übermut.
Die Darstellung der Schwarzen Szene war nicht minder klischeebehaftet, eher im Gegenteil. Warum hat man die Gelegenheit nicht genutzt, am Rande des WGT ein intensives Gespräch mit „godfather of goth“ Peter Murphy zu führen. Wo blieb die Erklärung für die besondere Bedeutung der Band Bauhaus für die Szene? Warum kein Wort darüber, dass die Gothics zumindest für ein kurze Zeit die Avantgarde der Independent-Bewegung waren?
Statt dessen werden die lächerlichen Auswüchse der Jetzt-Zeit genüsslich und mit spöttischem Unterton breit getreten. Sind ja alles nur nette Konsumenten, die sich gern verkleiden und einen auf „finster“ machen. Ein dummes Klischee, das in der absolut hirnlosen Bemerkung gipfelte, das Christian Death-Sänger Rozz Williams sich, da er den Death Rock zelebrierte, humorlos wie er nun mal war, quasi zwangsläufig erhängt hat. Da läuft es dem Freund der Schauermärchen wohlig kalt den Rücken hinunter und er zittert lustvoll. Dass Williams ein begnadeter, sensibler Künstler war, der unter anderem an seiner Heroinsucht zerbrochen ist – darüber schweigen sich die Macher aus. Statt dessen verweilen sie lieber bei einer Autogrammstunde der Lahmen Mortadella am Rande des WGT, um die Szene vorzuführen. Was hat diese Schwarze Schlagerkombo in einem „Welcome To The 80’s”-Beitrag zu suchen? Dass die unsäglichen Österreicher einmal mit Christian Death auf Tour waren, macht sie weder zu sonderlich glaubwürdigen Protagonisten der Szene, noch weist es ihnen eine Bedeutung in den 80er Jahren zu. Damals haben die beiden Popgruftis noch in die Windeln gemacht.

Geistiger Tiefpunkt des Beitrags: Aerobic-Ikone Sidney Rome, die selbst Tokyo Hotel für Gothics hält. Nun war die Idee, mit der Symbolfigur der reich-schön-sportlich-Kultur der 80er einen Kontrapunkt zu setzen, keine schlechte; warum allerdings der mittlerweile zum Botox-Monster mutierten Dame so viel Platz eingeräumt wurde und nicht einmal die essentiellen Joy Division im Bild zu sehen waren, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung nur die Autoren kennen.

Um nicht ausschließlich zu meckern: Die Doku hatte auch einige wenige positive Höhepunkte. Darrin Huss von Psyche zeigte sich als freundlicher und ehrlicher Gesprächspartner. Mona Mur’s Aussagen sollte man den Künstlern heutzutage unter die Nase halten und es war auch interessant Richard H. Kirks (Cabaret Voltaire) Erinnerungen zuzuhören. Video- und Konzertausschnitte von den Cabs, Siouxsie & The Banshees, The Cure, Throbbing Gristle (Discipline!), X-Mal Deutschland oder Killing Joke versöhnten ein klein wenig mit dem herablassenden, oberflächlichen und reißerischen Bericht.
Fazit: Eine verschenkte Chance, den adoleszenten Szenejüngern von heute einmal zu zeigen, welche Kraft der Bewegung einstmals innewohnte.

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3 Responses to Thema verfehlt, setzen 5!

  1. alles richtig kommentiert eins! 😉 PS: nicht mal arte macht mehr seriöse fernsehen 😦

  2. G'Quan-et sagt:

    Blickwinkel leider verfehlt – auch setzen 5!
    …wie der Kommentar zur arte-Doku „Welcome to the 80’s“ sich in besserwisserischer Detailverliebtheit ergeht…
    Vorliegender Kommentar setzt sich aus der Perspektive eines Szenezugehörigen mit langjährigem, ja jahrzehntelangem vertieften Hintergrundwissen mit der Materie äußerst kritisch hinsichtlich der Vermittlung inhaltlichen Tiefganges und mit hohem – und ja, leider deutlich zu hohem Anspruch an das vorliegende Format und Medium auseinander.
    Selbst überregionale szenebezogene Medien, wie einschlägige Magazine mit Ihren teils auch in Filmform auf Beileger-DVD veröffentlichten Reportagen könnten einem so hoch angelegten Anspruch wohl schätzungsweise kaum stand halten.
    Wie soll da eine, in durchaus begrenzte Sendezeit gefasste Reportage eines multinationalen öffentlich-rechtlichen Kanals, der innerhalb eines deutlich umfänglicheren Themanschwerpunktes nur in einem kleinen Unterkapitel die speziellen szenespezifischen Entwicklungen beleuchten kann, da mithalten können oder sollen? Mit Sicherheit kann dies redaktionell qualitativ und auch zeitlich quantitativ tatsächlich gar nicht umgesetzt werden, aber ist auch der thematische Zugang für bisher nicht oder wenig mit der Szene befasste Zuschauer sicher ein sehr grundlegend unterschiedlicher zu dem des Kommentators. Für die sicher senderseitig zu erwartende Hauptzielgruppe der Zuschauer kann nicht ansatzweise so viel selbstverständliches Hintergrundwissen angenommen und vorausgesetzt werden. Trotz allem bemüht sich die Reportage in großen Teilen auch diesem Publikum einen zumindest versuchsweise breiten und etwas vertieften Einblick zu verschaffen, indem Protagonisten zu Wort kommen und Zusammenhänge grob verständlich versucht werden darzulegen, die sonst in Fernsehreportagen zu diesem Thema nicht bis verschwindend selten anzutreffen sind. Den alljährlichen WGT-Reportagen diverser Magazinformate meist privater Sender mit ihren reißerisch bis langweiligen, jedoch meist über Outfit und Posing nicht hinausgehenden extrem inhaltsleeren Darstellungen ist die gegenständliche Reportage somit immer noch um deutliche Längen voraus. Leider ist wohl zu befürchten, dass die Mehrzahl der Zuschauer eher diese Formate zu gesicht bekommen wird und Klischees und Vorurteile eben durch diese wieter aufrecht erhalten bleiben. Die arte-Doku wäre da schön deutlich geeigneter gewesen, diese etwas abzubauen und einen kleinen Einblick über den Grufti-Grusel-Fasching hinaus zu vermitteln.
    Die Relationen des Kommentars ist daher leider in der Art verzerrt, dass eine möglichst umfängliche objektive Bewertung kaum stattfindet. Die angelegten Maßstäbe sind sehr spezifisch eng beschränkt und wären maximal für eine szeneinterne Veröffentlichung angemessen, um die es sich hier aber offenbar in keiner Weise handelte.
    Für den „Populärgebrauch“ setzt die Reportage daher im Vergleich mit vielen diversen „Konkurrenzveröffentlichungen“ der letzten Jahre zum Thema doch durchaus immer noch beachtliche Qualitätsmaßstäbe und ist nach dieser Kommentar- Einschätzung hier durchaus empfehlenswert.

  3. flimmerstunde sagt:

    Kommentar verfehlt – setzen fünf

    Offensichtlich ist Dir entgangen, dass der Titel des Beitrages sich auf die 80er bezog und viel zu viel aktuelle Themen eine Rolle spielten.
    Gerade weil ich besagtes Hintergrundwissen nicht voraussetze, fand ich die Doku schlecht. Es wurden nur alberne Klischees kolportiert, anstelle einmal die Wurzeln zu beleuchten. Nicht einmal die Namenswahl – Gothic – wurde durch den Verweis auf die Gothic Novels erklärt.

    Ich möchte ehrlich gesagt wissen, an welcher Stelle der besagte Beitrag die „über Outfit und Posing nicht hinausgehenden extrem inhaltsleeren Darstellungen“ von den bösen Privatsendern überflügelt hat? Genau das war ja das, was mich gestört hat. Von arte kann man schon ein wenig mehr erwarten.

    Zudem waren meine „Insider“-Aussagen nur Anregungen für eine weitere Beschäftigung, die auch die Redakteuere hätten finden können. So hilet man sich bei Äußerlichkeiten auf, anstelle Hintergründe zu beleuchten.

    Wie bei den reißerischen Privatsender-Beiträgen ging es eher ums bestaunen als ums erklären. Und der ironisch-ablehnende Unterton sollte selbst Dir aufgefallen sein.

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