Bildungsfernsehen

Manchmal war der Tag lang und reichlich anstrengend und so hab ich am Abend zu wenig mehr Lust, als zum Fernsehen. An diesem Samstag war das Angebot aber einfach nur bescheiden: Carmen B.Nebelt, Leichtatlethik-WM, Asterix (1000 mal gesehen), Drei Engel für Charlie (hat mich noch nie interessiert) und ähnlicher Unsinn flimmerte über den Bildschirm. In Zeiten wie diesen bin ich froh, dass es noch Spartensender wie Phoenix gibt. Zwischen 20.15 und 22.30h liefen gleich drei interessante Dokumentationen. „Das Attentat auf Matthias Erzberger“ erzählte auf sehr eindrucksvolle Weise die Geschichte eines heute weitgehend unbekannten Politikers der Weimarer Republik. Matthias Erzberger, der der Zentrums-Partei angehörte, war einer der meistgehassten Männer seiner Zeit. Nicht etwa, weil er sich bereichert hätte oder dergleichen, sondern weil er ernsthaft dafür kämpfte, dass die deutsche Republik nahc dem katastrophalen Krieg wieder auf die Beine kam. Erzberger hatte am Ende des Ersten Weltkrieges seine Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen gesetzt und die Friedensverhandlungen geführt, später setzte er sich für Steuerreformen ein, die die Reichen belasteten und den Armen das Überleben ermöglichten. Solch ein Mann macht sich selbstverständlich Feinde. Rechte Militärs ermorden den gläubigen Katholiken deshalb 1921 bei einem Kuraufenthalt.
Dokumentation 2 mit Namen „Honeckers Jahrhundertbau – Die DDR Erdgastrasse“ führte zurück ins Jahr 1978, als die DDR begann, die Erdgastrasse „Drushba“ durch die Weiten Russlands mitzubauen. Für mich als Ex-DDR-Bürger neu war die Tatsache, dass die Leitungen vor allem dazu dienen sollten, sowjetisches Erdgas nach Westdeutschland zu transportieren. Naja, damals war ich auch gerade mal in die Schule gekommen – das Thema wurde bei uns mit Wandzeitungen etc. abgehandelt, ein Blick hinter die Kulissen war für uns nicht möglich, ebenso wie für viele DDR-Bürger. Nur die, die direkt an der Trasse arbeiteten, wussten, was wirklich abgeht. Die in den Medien gezeichneten Bilder vom heroischen Kampf mit den Naturgewalten haben sie sicher als Hohn empfunden. Doch bei allen negativen Aspekten – die jungen Menschen gingen an die Trasse, weil sie etwas erleben wollten und gut verdienten. Den Staat DDR kostete das Unternehmen Unsummen, ausgezahlt hat sich das Großprojekt nicht mehr. Wahrscheinlich waren die finanziellen Anstrengungen ein weiterer Sargnagel für das bereits marode System.
Die dritte Dokumentation aus der Reihe „History“ des ZDF beschäftige sich mit dem „Countdown zu Katastrophe“, dem Kriegsbeginn 1939. Verschiedene Zeitzeugen berichteten von ihren Erlebnissen am Ende des Sommers. Allzu viel Neues war natürlich nicht zu erwarten, mir unbekannt waren vor allem zwei Dinge. Zum einen erzählte ein polnischer Mann davon, dass die Propaganda in seinem Land, damals auch eine Art Militärdiktatur, die Überzeugung verbreitete dass die polnischen Truppen den deutschen überlegen seien. Das Gegenteil zeigte sich recht schnell nach dem ersten September.
Neu war mir auch, dass es bereits am 25. August einen deutschen Überfall auf polnische Grenzgebiete gegeben hatte. Die kleine Truppe erhielt den Rückrufbefehl nicht mehr, drang in den Beskiden in eine kleine Ortschaft ein und besetzte dort den Bahnhof und einen wichtigen Eisenbahntunnel. Das Deutsche Reich musste sich später für dieses „Missverständnis“ entschuldigen.
Wie gesagt; bloß gut, dass es das es das Bildungsfernsehen noch gibt, sonst wäre viele Fernsehabende weniger interessant.

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